Könntest du uns die Geschichte erzählen, wie du zum ersten Mal mit dem Verein in Kontakt gekommen bist? Gab es ein bestimmtes Ereignis oder eine Person, die dich besonders inspiriert hat, Teil des Vereins zu werden?
Mein erster Kontakt mit dem VfL war 1997 als ich mit 8 Jahren Panini Sticker gesammelt habe. Damals war ich, wie fast jeder am Ammersee Bayernfan, bis auf ein paar Wahnsinnige, die Sechzger waren. Der VfL war mir auf Anhieb sympathisch durch die grünen Trikots und auch das fette VW-Logo auf der Brust. In den Jahren danach hab ich den VfL weiter verfolgt, obwohl vorerst Bayernfan blieb und dann später Hachingfan war. Als die SpVgg dann Abstieg im Jahre 2002 blieb ich dann beim VfL hängen, der mir immer sympathisch war und in der Zeit einen sehr attraktiven, torreichen Fußball spielte, wenn auch nur so semiattraktiv. In dem Jahr hab ich auch mein erstes VfL-Spiel in München gesehen. Die erste Verfestigung war dann in den Saisons 2005/2006 und 2006/2007 als wir zweimal fast abgestiegen wären. Obwohl ich immer belächelt wurde, von meinen Mitschülern hat mir diese zweimalige Rettung am Ende der Saison die Verwurzelung gegeben, die mich heute noch als VfL Fan ausmacht. Die folgenden zwei Jahre unter Magath, als ich auch endlich mein erstes Heimspiel sehen konnte (ein 4:0 gegen dem amtierenden Meister Stuttgart) waren dann wie eine Befreiung um endlich mit Stolz die grün-weißen Farben in Süddeutschland zu zeigen. Das Ganze drumherum mit VW und dem Sponsoring kannte ich zwar schon, war aber bis dahin mir nicht so richtig bewusst. Mir war zwar die Einheit zwischen Stadt, Konzern und Verein sehr verständlich, aber die Ablehnung anderer Fans war wie ein Kampf gegen Windmühlen. Während der Studienzeit hat sich aus Geld und Zeitmangel an der Beziehung zum VfL wenig getan, auch wenn sie immer eng verbunden war. Die Anzahl der besuchten Spiele hat sich arg in Grenzen gehalten und Kontakt zu anderen VfL Fans waren eigentlich nicht gegeben. Die Pokalsaison 2014/2015 war dennoch nochmal ein Höhepunkt samt dem Besuch des Halbfinalspiels in Bielefeld. So richtig intensiviert hat sich das Ganze in den letzten sieben Jahren, seitdem ich arbeite, als ich anfing häufiger zu Heimspielen zu gehen, auch in größerer Gruppe und zu weiter entfernteren Auswärtsspielen durch die inzwischen hinzugewonnenen Möglichkeiten. Ein Highlight war das 8:1 gegen Augsburg am 18.05.2019, welcher zugleich mein dreißigster Geburtstag war und entsprechend gefeiert wurde sowie die letzte Saison bei der ich bei 34 von 38 Pflichtspielen, darunter allen 17 Bundesligaauswärtsspielen dabei war. Viele meiner Kollegen, die Fußballfans sind (unter anderem Stuttgart, Heidenheim, Dortmund usw.) hab ich mit meiner Leidenschaft überzeugt, dass sie inzwischen ganz anders über den VfL denken und sich freuen, wenn der VfL gewinnt. Wenn sie mich auf Auswärtsspielen im Süden begleiten tragen sie einen grün-weißen Schal mit Freude, nicht aus Pflichtgefühl. Und ich konnte mit anderen VfL Fans, die im Süden wohnen, inzwischen einen Fanclub gründen um zu zeigen, dass Bayern und BaWü auch grün-weiß sind.
Gibt es bestimmte Bereiche, in denen du denkst, dass die Unterstützung der Fans einen größeren Einfluss haben könnte? Wie können die Fans dazu beitragen, die Stimmung im Stadion und in der Community zu verbessern? Hast du Ideen, wie die Fans den Verein noch stärker unterstützen könnten, sowohl auf als auch neben dem Platz?
Im Geschäftsumfeld sehe ich im Moment wenig Möglichkeiten für mehr Einfluss durch die Fans. Man ist in letzten zwei Jahren ein wenig aufeinander zugegangen, insbesondere da man inzwischen auch gemeinsame Aktionen mit der aktiven Szene hat, aber die durch diese Konzernstruktur bleibt der Einfluss mehr symbolisch.
Innerhalb der Stadt, bzw. Umfeld würde ein Aktivieren, aber ausgelassenes Auftreten der VfL Fans vor und nach Spielen ein stärkeres Bewusstsein fördern, dass wieder Bundesliga ist, man die Leute spüren lässt, dass ein Spiel ist, so wie ich es häufig auf Auswärtsspielen erlebt habe wie in Frankfurt oder Stuttgart. Das Stadion ist nicht ab vom Schuss wie in z.B. Mainz und dennoch habe ich häufig das Gefühl vor und nach dem Spiel, die meisten Leute wollen vor allem zu Hause sein. Gut, die Kneipenstruktur in Wolfsburg ist dafür nicht optimal, aber dennoch wirkte es nach dem Ankommen in Wolfsburg etwas zu steril.
Im Stadion wäre es schonmal sehr gut den Familienblock in die Nähe der Nordkurve zu holen, damit die jungen Fans mehr Kontakt und Nähe zum stimmungsvollen Teil des Stadions bekommen. Den Oberrang der Nordkurve dauerhaft in Stehplätze zu verwandeln und die Ränder der Nordkurve in günstige Sitzplätze würde den Stehblock kompakter machen und den eher stummen Anteil der Steher mehr motivieren auch Stimmung zu machen. Block 1 und 11, sowie Teile von Block 3 und 9 genießen eher die günstigen Plätze und ihr Bier als aktiv an der Stimmung mitzuwirken.
Die aktive Szene sollte auch mehr auf Nichtszene-Fans zugehen über mehr gemeinsame Termine wie offene Stammtische, gerne im Stadionumfeld (Halle 09 z.B.) Generell sollte jeder VfL mit mehr Stolz und Selbstbewusstsein seine Farben nach außen tragen, vor allem in der Stadt aber auch gerne außerhalb um zu zeigen, dass man da ist, dass man gerne VfL Fan ist, auch wenn es immer mal wieder weh tut (wie jetzt zum Beispiel).
Wie fühlst du dich aktuell, wenn du an die Situation des VfL Wolfsburg denkst?
Welche Emotionen löst die aktuelle Leistung des Teams bei dir aus?
Ich fühle mich im Moment überhaupt nicht gut mit der jetzigen Situation. Die Leistungen auf dem Platz verärgern, verletzen mich und lassen mich oft genug ratlos zurück. Jedes Mal, wenn man das Gefühl, jetzt geht es langsam bergauf kommt der nächste Schlag in die Magengrube. Vor allem diese Planlosigkeit und Wurstigkeit auf und neben dem Platz enttäuscht mich als Fan sehr, da ich viel auf mich nehme, um Spiele meines VfL zu sehen.
So wie es momentan läuft habe ich große Angst, dass wir wirklich absteigen und das vollkommen zurecht.
Wer trägt aus deiner Sicht die Hauptverantwortung für die aktuelle Situation des Vereins? Glaubst du, dass die Schuld bei den Spielern, dem Trainerteam oder der Vereinsführung liegt?
Sowohl Spieler als auch Trainer sind von Schuld nicht freizusprechen, für die momentane Situation, aber hauptverantwortlich sind für den Aufsichtsrat, der letzte Manager und der jetzige Manager. Der Aufsichtsrat hatte und hat die sportliche Kompetenz einer Ananas und handelt aufgrund dieser Ahnungslosigkeit falsch oder viel zu spät. Bestimmte Fehlentwicklungen hätte man schon viel früher unterbinden müssen, insbesondere das zu lange festhalten von Trainern, obwohl keinerlei sportliche Entwicklung mehr zu sehen war. Es wirkt auch nicht als der Aufsichtsrat irgendeine Vision hat, wofür der VfL zu stehen hat.
Bei den Managern sehe ich das Problem, dass bei der Mannschaftszusammenstellung wenig bis gar nicht auf Teamgefüge geachtet wird, ob die Spieler wirklich zu diesem und dieser Stadt passen. Gute Spieler erwiesen sich eher als Glücksgriffe als ein Ergebnis von strukturiertem Vorgehen bei der Verpflichtung derselben. Dadurch hat man sich eine Mannschaft von Mitläufern ohne klare Hierarchie erschaffen, die selbst bei einem guten Saisonverlauf instabil wirkt. Einzig auf der Torhüterposition wird gute Arbeit geleistet, was eher an Pascal Formann liegt als an den Großkopferten. Der Rest des Kaders wirkt unausgewogen und nie passend zum Spielstil des selbst ausgewählten Trainers. Entweder stellt man Trainer ein, die zu den Spielern passen und verstärkt gezielt, oder andersherum. Inzwischen hat man eine Mannschaft zusammen, die weder geschlossen für Pressing und Konterfußball geeignet ist nicht geschlossen für kontrollierten Ballbesitzfußball.
Was soll sich ändern:
Was müsste sich deiner Meinung nach dringend ändern, damit der VfL Wolfsburg wieder erfolgreicher wird? Welche konkreten Schritte würdest du dir vom Verein wünschen?
Als Erstes muss Chrisiansen gefeuert werden und der Aufsichtsrat stärker ins Tagesgeschäft eingebunden werden bis Pirmin Schwegler voll drin ist. Stinkstiefel in der Mannschaft würden identifiziert werden und auf die Tribüne gesetzt werden. Spielerisch kann es eh fast nicht schlechter werden, da ist es auch nicht so schlimm theoretisch gute Spieler nicht mehr dabei zu haben.
Etwas was mittelfristig angegangen werden muss, ist die Mannschaft mit mehr Kondition und Hierarchie zu versorgen. Die besten Jahre waren mitunter die, bei der die Mannschaft zu jeder Zeit des Spiels die Geschwindigkeit nochmal anziehen konnte. Am Ende ist es eigentlich egal, dass man theoretisch spielerisch schlechter ist, wenn man nach 80 Minuten immer frisch in den Beinen und im Kopf ist und dadurch dieselbe Präzision hat wie am Anfang des Spiels. Mit mehr Fitness kann man nach einer Führung auch weiter nach vorne spielen und muss sich nicht zurückziehen, um sich zu schonen, was meist eh in die Hose geht.
Generell muss man einen Weg finden junge talentierte Spieler und gefestigte erfahrene Spieler mit Kampfgeist zu kombinieren, welche alle für einen bestimmten Spielstil stehen und den dazu passenden Trainer finden. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Wolfsburg erlauben eigentlich fast jede Richtung im Spielstil, es muss nur konsistent umgesetzt werden. Wobei eine offensivere Ausrichtung mehr Fans ins Stadion locken würde und für Stimmung sorgen würde. In Augsburg mag man sich mit Antifußball zufriedengeben, in Wolfsburg würde das weniger akzeptiert werden.
Was wünschst du dir:
Was ist dein größter Wunsch für die Zukunft des VfL Wolfsburg?
Wie stellst du dir das ideale Szenario für den Verein in den nächsten Jahren vor?
Mein größter Wunsch für den VfL wäre ein kontinuierliche und konstante Entwicklung mit schönem Offensivfußball und einer Etablierung in der oberen Tabellenhälfte, die auch gerne mal mit einem Titelgewinn verbunden ist.
Ideal wäre, wenn der VfL für eine bestimmte Art Fußball stehen wird, die die Leute ins Stadion lockt und Spieler nicht aus Geldgründen nach Wolfsburg bringt.