Könntest du uns die Geschichte erzählen, wie du zum ersten Mal mit dem Verein in Kontakt gekommen bist? Gab es ein bestimmtes Ereignis oder eine Person, die dich besonders inspiriert hat, Teil des Vereins zu werden?
Tatsächlich fragte ich mit drei Jahren meinen Vater: „Papa, von welchem Verein soll ich Fan werden?“. Mein Vater war zu dieser Zeit großer ESC Wolfsburg-Fan und mehr dem Eishockeysport zugetan, allerdings blickte er auf die Bundesliga-Tabelle, sah den aktuellen Tabellenführer und antwortete: „VfL spielt Oberliga, nimm Werder Bremen, die sind Erster und wenigstens aus dem Norden“. – Im Nachhinein kann ich das erziehungstechnisch immer noch nicht nachvollziehen, dass er mich damit in meinen ersten 2 Jahren als Fußballfan zum Werderaner machte, allerdings machte er es wieder gut, indem er mich ab meinem 5. Lebensjahr (1987) mit zu den Oberliga-Spielen in den Elsterweg nahm, wo ich gegen Vereine wie Arminia Hannover, TuS Celle, Altona93 uvm. Letztendlich meine Liebe zum VfL entdeckte, die seit jeher ständig wuchs.
Leider merkt man jetzt, Februar 2026, wie diese Liebe immer wieder auf die Probe gestellt wird. Viele wenden sich vom Verein ab, auch ich merke diese „Bauchschmerzen anstatt Schmetterlinge“ wenn ich derzeit an meinen VfL denke. Dem Verein aber die Liebe entziehen, ist für mich keine Option.
Gibt es bestimmte Bereiche, in denen du denkst, dass die Unterstützung der Fans einen größeren Einfluss haben könnte? Wie können die Fans dazu beitragen, die Stimmung im Stadion und in der Community zu verbessern? Hast du Ideen, wie die Fans den Verein noch stärker unterstützen könnten, sowohl auf als auch neben dem Platz?
Natürlich wünscht sich jeder Fan, gerade in aktuellen Krisenzeiten, dass es z.B. Mobilisierungen gibt, beispielsweise mit vielen Fans ein Training zu besuchen, um die Wichtigkeit an das Team zu vermitteln. Ansonsten muss ich sagen, dass die Fanszene schon vieles tut, was absolut zu respektieren ist. Dinge, wie z.B. der neue Jugendtreffpunkt neben der AOK-Arena oder die Wiederbelebung von organisierten + betreuten U16-Fahrten, halte ich für immens wichtig. Die Liebe zum Verein entsteht meist schon früh.
Wie fühlst du dich aktuell, wenn du an die Situation des VfL Wolfsburg denkst?
Welche Emotionen löst die aktuelle Leistung des Teams bei dir aus?
Wie bereits kurz bei Frage 1 angeteasert: Mich verbinden derzeit kaum positive Emotionen bei dem Gedanken an den VfL Wolfsburg. – Zu blutleer und inkonstant sind die Auftritte gefühlt seit Monaten und Jahren. Es macht schon lange keinen Spaß mehr in die Arena zu gehen, weil sich enttäuschende Ereignisse nachhaltig in die grün-weiße VfL-Seele eingebrannt haben. Selbst eine Heilung scheint nur noch mit einer großen Narbe einherzugehen. Aber da handhabe ich es wie in einer guten Ehe: in guten wie in schlechten Zeiten.
Wer trägt aus deiner Sicht die Hauptverantwortung für die aktuelle Situation des Vereins? Glaubst du, dass die Schuld bei den Spielern, dem Trainerteam oder der Vereinsführung liegt?
Sowohl Spieler als auch Trainer sind von Schuld nicht freizusprechen, für die momentane Situation, aber hauptverantwortlich sind für den Aufsichtsrat, der letzte Manager und der jetzige Manager. Der Aufsichtsrat hatte und hat die sportliche Kompetenz einer Ananas und handelt aufgrund dieser Ahnungslosigkeit falsch oder viel zu spät. Bestimmte Fehlentwicklungen hätte man schon viel früher unterbinden müssen, insbesondere das zu lange festhalten von Trainern, obwohl keinerlei sportliche Entwicklung mehr zu sehen war. Es wirkt auch nicht als der Aufsichtsrat irgendeine Vision hat, wofür der VfL zu stehen hat.
Bei den Managern sehe ich das Problem, dass bei der Mannschaftszusammenstellung wenig bis gar nicht auf Teamgefüge geachtet wird, ob die Spieler wirklich zu diesem und dieser Stadt passen. Gute Spieler erwiesen sich eher als Glücksgriffe als ein Ergebnis von strukturiertem Vorgehen bei der Verpflichtung derselben. Dadurch hat man sich eine Mannschaft von Mitläufern ohne klare Hierarchie erschaffen, die selbst bei einem guten Saisonverlauf instabil wirkt. Einzig auf der Torhüterposition wird gute Arbeit geleistet, was eher an Pascal Formann liegt als an den Großkopferten. Der Rest des Kaders wirkt unausgewogen und nie passend zum Spielstil des selbst ausgewählten Trainers. Entweder stellt man Trainer ein, die zu den Spielern passen und verstärkt gezielt, oder andersherum. Inzwischen hat man eine Mannschaft zusammen, die weder geschlossen für Pressing und Konterfußball geeignet ist nicht geschlossen für kontrollierten Ballbesitzfußball.
Was soll sich ändern:
Was müsste sich deiner Meinung nach dringend ändern, damit der VfL Wolfsburg wieder erfolgreicher wird? Welche konkreten Schritte würdest du dir vom Verein wünschen?
Ich dachte, Schritte wie einen Diego Benaglio und/oder Dennis Weilmann in den AR zu integrieren, einen Daniel Bauer und Julian Klamt zu Trainern zu machen und auch Spielern aus der eigenen Stadt und Jugend faire Chancen und Einsatzzeiten zu geben, sind sehr wichtige Schritte. Leider ändern diese Schritte wahrscheinlich erst mittel- wenn nicht langfristig etwas an der Vereins-DNA. – Ich würde mich mehr über die Bereitschaft zu der Besinnung alter Wurzeln freuen. Da denke ich natürlich an das Zinnenwappen, allerdings auch an eine viel engere Kommunikation um einen „gemeinsamen Weg“ mit der Fanszene zu gehen. „Arbeit-Fußball-Leidenschaft“ war einst von unserer Fanszene als Vereinsmotto ausgerufen und wurde übernommen. Von allen drei Attributen ist nicht eines derzeit sichtbar.
Was wünschst du dir:
Was ist dein größter Wunsch für die Zukunft des VfL Wolfsburg?
Wie stellst du dir das ideale Szenario für den Verein in den nächsten Jahren vor?
In erster Linie wünsche ich mir natürlich erstmal den Klassenerhalt, der steht aktuell über allem, da es noch nie so gefährlich schien wie jetzt. – Dann würde ich mir (aufgepasst!) den gefühlt 268 Umbruch wünschen. Und bei Zugängen nicht ausschließlich auf den Datencomputer schauen, sondern besonders den Charakter bewerten. Da sollte es anfangen. Intelligenz, Einsatzwille, Kampfgeist und Zielstrebigkeit: Das sind Eigenschaften, die ein gesunder Verein benötigt, um Erfolg zu haben. Ich könnte noch von Vereinsstruktur, 50+1, Aufsichtsrat, uvm. schreiben, aber dann mutiert das hier zum lustigen Taschenbuch, daher ist mein „Wunsch-Szenario“ in den kommenden Jahren: Weniger ist mehr! – Kein Ausrufen zum Angriff auf Europa, keine Unsummen mehr für talentierte Spieler, die entweder nicht zünden und wieder verschenkt werden, oder mit geringer Identifikation ständig Wechselgedanken hegen. – Dann lieber wieder hungrige Spieler aus der zweiten Liga oder aus unbekannteren Ligen verpflichten und weiterhin das Team gesund mit Spielern aus dem Jugendinternat ergänzen. Eine gut funktionierende ACHSE ist dabei das A und O, wie man derzeit leider bemängelnd feststellen kann.
→ Besucht auch RetortenTV auf Twitch oder auf YouTube.